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Bad Bramstedt | Leibniz Privatschule

Hat Schreiben nach Gehör ausgedient?

Hitzhusen (em) Es geht einer pädagogischen Idiotie an den Kragen – dem Schreiben nach Gehör. Zigtausende von Grundschülern und deren Eltern hat man damit vor allem in bildungspolitisch rot- bzw. grün-regierten deutschen Ländern malträtiert. Der frühere Lehrer-Präsident Josef Kraus nimmt im Beitrag für die Leibniz privatschule kein Blatt vor den Mund:

Logik der Progressiven Pädagogik: Ein chaotischer Rechtschreibunterricht benachteiligt nicht die Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern, sondern die aus bildungsfernen. Bildungsnahe Eltern sorgen außerhalb der Schule für ordentliches Schreiben.

Es kommt zwar selten vor, aber alle paar Jahre doch: Endlich geht es mal einer pädagogischen Idiotie an den Kragen – dem Schreiben nach Gehör (Fachchinesisch: der phonetischen Schreibweise). Zigtausende von Grundschülern und deren Eltern hat man damit vor allem in bildungspolitisch rot bzw. grün regierten deutschen Ländern malträtiert. Da CDU und FDP 2016 und 2017 nun doch mal wieder den einen oder anderen Schulministersessel erklimmen konnten, zum Beispiel in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein, soll dieses chaotische Schreiben ein Ende haben. Das zumindest berichtet die Welt am Sonntag am 6. August 2017 auf der Titelseite.

Worum geht es überhaupt? Schreiben nach Gehör – das ist eine Lernmethode, die Leute wie der Schweizer „Reformpädagoge“ Jürgen Reichen (1939 – 2009) und der deutsche Grundschuldidaktiker Hans Brügelmann in die Welt gesetzt haben. Einer der Leitsätze von Reichen lautete denn auch: „Kinder lernen umso mehr, je weniger sie belehrt werden“. Das ist die Bankrotterklärung von Pädagogik.

Beim Schreiben nach Gehör sollen Grundschüler mit Hilfe einer bebilderten Anlaut- und Buchstabentabelle sowie einem „Buchstabentor“ (A/a für Affe und Ameise, Ch/ch für Chinese, I/i für Indianer und Igel, S/s für Sonne usw.) zum Teil bis in die dritte Grundschulklasse hinein Lautketten bilden und so schreiben, wie sie hören. Das soll die Kinder „von Zwängen befreien“ und deren Lust am Schreiben und sprachliche Kreativität fördern. Kreativ? Beispiele aus Zeitungen und aus dem Internet gefällig? „Wia gen in den tso.“ „Dort Gips keine Fögel.“ „Schraip widu schprichsd.“ „Wi schraibs duden?“ „die schulä fenkt an.“ (Nur am Rande: Mit dieser Methode hat sich der eine oder andere Verlag eine goldene Nase verdient; und so manch ewig-morgiger Pädagoge hat damit ein paar Stufen auf seiner Karriereleiter erklommen.) Wenn Eltern ob solcher Schreibungen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, müssen sie sich belehren lassen, doch ja nicht in die „kreative“ Schreibung ihrer Grundschulkinder einzugreifen; das würde Verwirrung stiften oder gar Legasthenie provozieren. Überhaupt sind die „Reformer“ immer schnell bei der Hand, massenhafte fehlerhafte Schreibungen zu bagatellisieren. Die entsprechenden Argumentationen lauten dann so: Es mag ja sein, dass Schüler die Orthographie heutzutage schlechter beherrschten, aber dafür seien sie heute intelligenter, kreativer und urteilsfähiger: Oder: Es gäbe sogar große Schriftsteller mit geringen Rechtschreibkenntnissen, und für deren Fehler habe man ja Lektoren.

Das Traurige an der ganzen Sache ist, dass es nicht wenige professorale Befürworter und Beschwichtiger gibt. Erika Brinkmann, Professorin für deutsche Sprache, Literatur und Didaktik an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, äußert im „Familien-Handbuch“ zwar Verständnis für Sorgen der Eltern, macht sich selbst aber keine Sorgen: „Die Sorge vieler Eltern, dass sich die Kinder mit ihren lautgerechten Schreibungen, die noch nicht allen orthografischen Normen entsprechen, etwas Falsches einprägen könnten, ist meines Erachtens verständlich, aber unbegründet.“ Weiter erklärt sie: „Beim lautierenden Schreiben konstruieren die Kinder jedes Wort jedes Mal Laut für Laut neu. Dass sich dabei diese Schreibungen nicht in den Köpfen der Kinder festsetzen, belegen eindrucksvoll die Variationen, die die Kinder immer wieder finden: Oftmals wird das gleiche Wort in kurzer Zeit mehrfach unterschiedlich geschrieben.“ Wunderbar! Es reicht offenbar nicht, dass ein Wort in einer Variante falsch geschrieben wird, sondern gleich in mehreren Varianten! Ganz anderer Meinung ist gottlob Renate Valtin, vormals Professorin an der Humboldt-Uni zu Berlin und von 2003 bis 2009 Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Lesen und Schreiben: „Alle empirischen Untersuchungen hierzu sind eindeutig negativ. Deshalb sollte man diese Methode verbieten.“ Es sei die uralte Erfahrung angefügt: Es ist leichter, etwas sofort richtig zu erlernen, als falsch Erlerntes umlernen zu müssen. Das gilt für kognitives und übrigens auch für motorisches Lernen, zum Beispiel das Schreiben mit der Hand, das manche jetzt bereits in der Grundschule dem Tastenschreiben opfern wollen.

Schreiben nach Gehör is‘ gar nicht schwör
Schreiben nach Gehör, das ist keine rein didaktische Marotte, sondern es ist Ideologie pur. Bei den Erfindern dieser Methode spielt nämlich die uralte 68er These eine Rolle, dass Rechtschreibung ein Herrschaftsinstrument sei, das es zu überwinden gelte. Dass die Rechtschreibung in mehreren Bundesländern in der Schule nicht mehr benotet wurde, dass in manchen Bundesländern Diktate regelrecht verboten waren, dass man die Schüler in Deutschtests keine längeren Sätze mehr schreiben, sondern Lückentexte zustöpseln ließ und ihnen multiple-choice-Ankreuztests vorsetzte, ist ebenfalls Folge dieser Ideologie. Von der Rechtschreibreform ganz zu schweigen. Letztere hatte ich vor mehr als zehn Jahren bereits als „Kniefall vor der fortschreitenden Legasthenisierung“ bezeichnet – ohne freilich echte, bedauernswerte Legastheniker bloßstellen zu wollen.

Das Problem ist nur: Wer die Rechtschreibung schleifen lässt und wer sie nicht beherrscht, weil er sie in der Schule nicht beigebracht bekam, der kann sich für all seine Bewerbungsschreiben gleich das Porto sparen. Denn ein chaotischer Rechtschreibunterricht benachteiligt nicht die Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern, sondern die aus bildungsfernen. Bildungsbürgerliche Elternhäuser wissen nämlich dafür zu sorgen, wie man ihren Kindern eben außerhalb der Schule ein ordentliches Schreiben beibringt.

Aber ehe wir jetzt in Jubel ob der überfälligen bildungspolitischen Konsequenzen verfallen, sollten wir eines nicht vergessen: So viele pädagogische Idiotien können gar nicht abgeschafft werden wie nachwachsen. Das steht zu befürchten.

Josef Kraus war Oberstudiendirektor, Präsident des deutschen Lehrerverbands, wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und als „Titan der Bildungspolitik“ bezeichnet. Er hat Bestseller zu Bildungsthemen verfasst und sein jüngstes Werk „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ ist erhältlich unter: www.tichyseinblick.shop